Gerd-Eckhardt Schuster
Mein Zeugs
Dieses Gras unterm Schnee
Abermals neigt sich das Jahr
Und ich werd nicht bescheiden
Tief steht die Sonne und kalt
Über Lieben und Leiden
Doch das Gras bleibt mir grün
Unterm Schnee unterm Schnee
Noch blüht das Laub im Gezweig
Farbenfroh erst im Sterben
Tanzt nun zur Erde herab
Wieder Erde zu werden
Nur das Gras bleibt mir grün
Unterm Schnee unterm Schnee
Wiegt sich die Linde im Wind
Nackt und bloß
Schön wie ein Weib
Knospen verraten sie trägt
Springfrischen Frühling im Leib
Und das Gras
Es bleibt grün
Unterm Schnee
Gänseblume
zwischen Gehwegplatten
Morgen für Morgen
Verlässlich die Uhr
Beginnt das Zertreten
Achtlos oder bedacht
Sie schiebt in Sorgen
Freundlich und stur
Aus schmalstem Beet
Blättchen nach über Nacht
Hier muss sie bleiben
Und treiben
Allein
Wenn der irre Traum nicht wäre
Dass Stein
Zerkrümelt zu Wiesenerde
Längst wäre sie verdorben
Gestorben
Zigeuners Bitte
Sieh Mutter wie eine Kerze
Ist sie gewachsen
Wie ihr roter Rock schwingt
Knapp über den Hacksen
Und wie sie singt
Frei sie für mich
Vater sieh nur
Wie schlank sie ist
Doch bei Gott kein Knochengerüst
Wie der Kirchturm wohlgebaut
Ich brauch sie zur Braut
Die Schultern die Arme
Sie schimmern
So dunkel so glatt so ihr Leib
Dreiteufelsweib
Vater erbarme
Dich
Frei sie für mich
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Meine Schultern unterm Hemd
Stockfremd
Sind sie mir
Nackt und bloß
Ohn ihre Arme
Ledig und los
Ohn ihre Hände
Drin nistet Lust
So nie gewusst
Seht wie sie tanzt
Ganz versunken
Wie trunken
Und wunderbar
Fliegt es im Feuerschein
Ihr goldschwarzes Haar
Von eurem Wagen
Wo beieinander wir lagen
Freit sie für mich
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(Schusters)
Ringelnatz-Verschnitt
Ich hab dich so lieb
Würd dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen schenken
Oder mein Filtersieb
Ich hab dir nichts getan
Hatt nur all meinen Mut
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut
Unterm Fahrbetrieb
Du nimmst den nächsten Zug
Bin eben nicht deine Zeit
Dein Schaffner winkt schon genug
Ginstergelb wuchert mir Neid
Widers Prinzip
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Gelb ist des Futterneids Farbe
Der Andere der fährt mit dir Bahn
Das gibt eine neue Narbe
Narben zieren den Mann
Saß doch manch Hieb
Was wird mir noch blühn was verblühen
An den Hängen der Eisenbahn
Du jedenfalls musst jetzt ziehen
Schau mich bloß so traurig nicht an
Wozu sind die Löcher im Sieb
Ich hab dich so lieb
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Dragonerballade 1640
Taunass und üppig die Heide
dämpft sie der Hufe Tritt
Da kringelt Rauch über Weiden
Wir kriegen was zu fressen mit
Hinter den Schanzen im Lager
knurrt hungernd Bauch neben Bauch
Stolze Dragoner hundsmager
stürzen auf Ampfer und Lauch
Nach Wochen ohn Golddukaten
haben kotzsatt uns gemacht
die Handvoll Heidekaten
Ans Lager ward auch gedacht
Stopfvoll sind die Pluderhosen
mit Federvieh Nüssen und Speck
Wo Fressbares umgestoßen
klaubten wirs gar aus dem Dreck
Auf Rist und Kruppen der Pferde
da baumeln Ziegen und Schwein
von Heidschnucken bald eine Herde
Frohgemut sollten wir sein
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Doch quer auf seiner Rappstute
hängt Till wie ein Hafersack
kopfüber und ausgeblutet
nach hartem Gehau und Gehack
Sein Herz traf der Forke Zinken
geführt von ner Bauersfrau
Ich stach sie ab mit der Linken
wie ihre letzte Sau
Vor mir auf Pferdes Rücken
zittert ein aschblondes Kind
Ließ es nicht hauen in Stücken
riss es zu mir geschwind
Wird wohl bald nicht mehr zagen
Mir nahm die Gefährtin der Tod
Und ohne Trossweib am Wagen
grassiert des Dragoners Not
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Arbeitslos
Hatt eine mir zur Seite
Eine bessre findst du nit
Nun ist die Lieb zerschlissen
Liegt kalt zu unsern Füßen
Und wir sind aus dem Tritt
Keine Kugel kam geflogen
Da wabert nur dies Gift
Nicht mehr gebraucht zu werden
Nicht hier noch sonst auf Erden
Das ist es was mich trifft
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Das lähmt mir Kopf und Glieder
Das nagt und frisst und frisst
Lässt alle Quelln versiegen
Und beieinander liegen
Weiß nicht mehr was das ist
Kann dir die Hand nicht reichen
Dich wärmt nie mehr mein Blick
Geht jeder seiner Wege
Zerbrochen alle Stege
Nichts führt uns zurück
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Carne Vale
Ein Saufliedchen
Gäbs dich nicht
Schmuck und fest
Nirgendwo
Nur noch flüssig
Zu naschen
Irgendwo
Flög zu dir
Fass um Fass
Aufzukaufen
Um mich endlos
An dir
Zu besaufen
Ein Schwein auf dem Mauseloch
» … Eben war Sinja mit einer drallen, prallen Weizenähre vom Feldrand zur uralten, knorrigen Eiche gezockelt. Mühsam hatte sie die schwere, sperrige Fracht durch Gras und Krautgewirr bugsiert, dann auf schmalem Mauseweg mal hinter sich hergezogen, mal quer im Schnäuzchen geschleppt. Gleich war sie bei ihren Nippeltippelkindern.
Doch als Sinja um die letzte Pusteblume bog, da fiel ihr vor Schreck die dralle, pralle Weizenähre aus den Mausezähnen … «
» … Mausemama Sinjas schwarze Stecknadelkopfaugen schwammen in Tränen. Der Kummer schnürte ihr die Kehle zu.
Da sprach die Nachbarmaus:
‚Ach, lieber Eiko, hilf Sinja bitte, bitte aus großer Not. Du bist ein Eichhörnchen. Du kannst das.‘
Eiko schaute die beiden Mäuslein fragend an. Sinja wischte sich noch eine Träne aus dem linken Auge und piepste los:
‚Meine Kinder leiden Not,
Sind seit Stunden ohne Brot.
Über meinem Mausebau,
auf dem Schlupfloch ganz genau,
liegt ein Schwein!
Ich kriegs nicht fort.
Tief im Schlaf liegt es vor Ort.‘ … «
Schlanstedt • Geschichte und Geschichten
Mein Erstling.
Das Dorf wollte seine rauschende 1075-Jahrfeier aus eigener Kraft, bekam sie auch. Und das Festkomitee gab keine Broschüre vor, sondern ein richtiges Lesebuch. Ich wollte, ich musste es machen, obwohl Krankheit mich niederwarf. Und die Zeit wurde knapper und knapper.
Die reiche Geschichte des Dorfes, in dem ich Wurzeln geschlagen, hatte mich von Anfang an in ihren Bann gezogen. Ich bekam engagierte Hilfe und Zuarbeit, habe Texte zusammengetragen, habe ausgewählt, bearbeitet, so manches selbst geschrieben.
Zum Beispiel meine Lieblingsgeschichte darin, die mir einst Fritz Müller, damals über neunzig, erzählt hatte. Vom Höchstprozentigen ging sie, der von der Brennerei über den Huywald nach Halberstadt kutschiert werden musste, streng kontrolliert. Und doch zweigten die Landarbeiter regelmäßig ihren Tropfen ab – für ein Stück Fröhlichkeit.
Ein Gestalter-Profi, Steffen Hoffmann vom Sponsor Froximun AG, sorgte für die Schönheit des Lesebuches.
Ungelegte Eier
Halte es mit den Hühnern, mag nicht vorweg in langes Gekakel fallen.
Für einen zweiten schmalen Band mit Gedichten nimmt das Gelege zu. Und Kinderverse drängen ans Licht.
Schließlich brüte ich schon lange über zwei Schlanstedter Geschichten: die vom Freibauernsohn, dem späteren Ritter Bock von Schlanstedt, und die vom Tempelherrenmord anno 1311. Sie werden bei mir in eine Pfanne geschlagen und verrührt.
Zuvor jedoch treibt es mich, ein altes Märchen von der Liebe aus dem Lande Kordofan – natürlich neu gestaltet – in ein gutes Nest zu legen.
Gerd-Eckhardt Schuster
Geboren am 18. Oktober 1937 in Stettin
Gestorben am 10. Februar 2013 in Magdeburg